Botschaft zum Welttheatertag 2019

Foto: Laura Ramos

Carlos Celdrán

Bevor ich zum Theater kam, waren dort schon meine Lehrer. Sie hatten ihre Häuser und ihre poetischen Konzepte auf dem gebaut, was ihnen ihr eigenes Leben hinterlassen hatte. Viele von ihnen sind nicht bekannt oder man erinnert sich kaum an sie: sie arbeiteten aus der Stille heraus, aus der Demut ihrer Probenräume und ihrer Theatersäle voller Zuschauer, und langsam, im Verlaufe arbeitsamer Jahre, in denen sie Außerordentliches leisteten, räumten sie ihren Platz und verschwanden. Als ich begriff, dass mein Handwerk und meine persönliche Bestimmung darin bestanden, ihren Schritten zu folgen, begriff ich auch, dass ich von ihnen jene einzigartige, herzzerreißende Tradition erbte, das Gegenwärtige zu durchleben, einzig und allein in der Erwartung, die Durchsichtigkeit eines nicht wiederholbaren Augenblicks zu erreichen. Ein Moment der Begegnung mit dem Anderen in der Dunkelheit eines Theaterraums, allein geschützt durch die Wahrheit einer Geste, eines vielsagenden Wortes.

Mein Theaterland besteht aus diesen Momenten der Begegnung mit den Zuschauern, die Abend für Abend in unser Theater kommen, aus den verschiedensten Winkeln meiner Stadt, um uns zu begleiten und ein paar Stunden, ein paar Minuten mit uns zu teilen. Aus diesen einzigartigen Minuten baue ich mein Leben, höre ich auf „ich“ zu sein und an mir selbst zu leiden, ich werde wiedergeboren und begreife, was Theatermachen bedeutet: Augenblicke reiner vergänglicher Wahrheit, von der wir wissen, dass das, was wir im Licht der Bühne sagen und tun, gewiss ist und unser Tiefstes, unser Persönlichstes widerspiegelt. Mein Theaterland, das meinige und das meiner Schauspieler, ist ein Land, gewebt aus jenen Momenten in denen wir die Masken hinter uns lassen, die Rhetorik, die Furcht zu sein, was wir sind, und uns die Hände reichen in der Dunkelheit.

Die Tradition des Theaters ist horizontal. Niemand kann behaupten, dass es irgendeinen privilegierten Mittelpunkt in der Welt gibt, in irgendeiner Stadt, in irgendeinem Gebäude. Das Theater, wie es mir zuteilwurde, erstreckt sich auf unsichtbarem Gelände, welches das Leben der Theatermacher und das Theaterhandwerk in derselben vereinenden Geste miteinander vermischt. Alle Meister des Theaters wissen, dass es keine Anerkennung gibt, die Bestand hätte vor dieser Gewissheit, die die Wurzel unserer Arbeit ist: Momente der Wahrheit, der Zweideutigkeit, der Kraft, der Freiheit in größter Unsicherheit. Von den Meistern wird nichts überleben außer Daten und Verzeichnissen ihrer Arbeiten in Videos und Fotos, die nur eine blasse Idee von dem vermitteln, was sie schufen. Was solchen Katalogen stets fehlen wird, ist die stille Antwort des Publikums, das augenblicklich erkennt, dass das, was dort auf der Bühne geschieht, unübersetzbar  ist und außerhalb des Theaters nicht auffindbar, dass die Wahrheit, die es hier teilt, eine Erfahrung des Lebens ist, für Sekunden durchscheinender als das Leben selbst.

Als ich begriff, dass das Theater seinem innerstem Wesen nach ein Land ist, ein großes Territorium, das die gesamte Welt umfasst, entstand in mir ein Entschluss, der zugleich auch eine Freiheit bedeutet: du brauchst dich nicht von deinem Ort zu entfernen, musst nicht reisen. Dort wo du bist, ist auch das Publikum. Dort sind die Gefährten, die du an deiner Seite brauchst. Dort, vor deinem Haus, findest du die tägliche undurchsichtige, undurchdringliche Wirklichkeit. Von dieser scheinbaren Bewegungslosigkeit aus arbeitest du nun, um die größte aller Reisen zu konstruieren, die Wiederholung der Odyssee, der Argonautenfahrt: du bist ein unbeweglicher Reisender, der unaufhörlich die Dichte und Festigkeit seiner wirklichen Welt beschleunigt. Deine Reise geht zum Augenblick, zum Moment, zur unwiederholbaren Begegnung mit deinesgleichen. Zu ihnen führt deine Reise, zu ihren Herzen, zu ihrer Subjektivität. Du reist durch ihr Innerstes, durch ihre Gefühle und Erinnerungen, die du erweckst und bewegst. Man kann deine schwindelerregende Reise weder ermessen noch verschweigen, es ist eine Reise durch die Fantasie deiner Leute, ein Samen, ausgesät in der entlegensten Gegend: dem politischen, ethischen, menschlichen Bewusstsein deiner Zuschauer. Deshalb bewege ich mich nicht und bleibe zu Hause, unter meinen Vertrauten, in scheinbarer Ruhe, und arbeite Tag und Nacht, weil ich das Geheimnis der Geschwindigkeit in mir trage.

Havanna (Kuba) im Januar 2019

Übersetzung aus dem Spanischen: Dieter Welke

Carlos Celdrán

Carlos Celdrán wurde 1963 in Kuba geboren, wo er lebt und als Regisseur, Autor, Theaterpädagoge arbeitet.
1986 schloss er sein Theaterstudium ab und arbeitete zunächst als Berater, dann als Hausregisseur im Teatro Buendía in Havanna.
1996 gründete Celdrán die Gruppe Argos Teatro, deren künstlerischer Leiter er bis heute ist und mit der er dem kubanischen Publikum die Rezeption zeitgenössischen europäischen Theaters eröffnete. Argos Teatro ist eine der bekanntesten Theaterkompanien Kubas, ihre Produktion „Zehn Millionen“ (Stücktext von Celdrán) tourte international, ebenso wie die jüngste Produktion „Mysterien und kleine Stücke“ („Misterios y pequeñas piezas“, 2018)
Carlos Celdrán erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem 16mal den kubanischen Kritikerpreis in der Kategorie „Beste Inszenierung“. Seit mehr als 20 Jahren lehrt er am Instituto Superior de Arte de Cuba, wo er die Meisterklasse Regie unterrichtet.

Quelle des Beitrags: Homepage des Deutsches Zentrum des Internationalen Theaterinstituts

 

"Theater für alle - Verein zur Förderung theaterpädagogischer Aktivitäten für alle Generationen" wurde im Mai 2008 von Stephan Kreuzer und Viola Schenk-Kreuzer gegründet. In all den Jahren konnten wir ein kompetentes Team aus Theater- und TanzpädagogInnen aufbauen.

Gestartet wurde im Jahr 2008 mit der Workshopreihe "Theaterwerkstatt". Dies sind frei zugänglichen Workshops, vor allem in den Ferien (Semester-, Oster-, Sommerferien) und wöchentlich über ein Semester.

Im Jahr 2010 ist das Projekt "Spiel dich frei" entwickelt worden und an zwei Volksschulen im 16.Bezirk gestartet. Im Laufe der Jahre sind immer wieder neue Schulen unterschiedlicher Schultypen (VS, NMS, Gymnasium, BS, FS, SPZ) dazu gekommen, denen Konfliktprävention wichtig ist.

Das Jahr 2012 brachte eine Reihe an Kooperationen mit der Fachstelle "Gewaltprävention am Arbeitsplatz" des ÖGB und zeitgleich eine Ausweitung des Projekts "Spiel dich frei" auf weitere Schultypen.

Seit 2013 begleitet uns das Maskottchen "Tai-Long" (Theaterdrache) bei vielen unserer Kurse; ihm ist es ein Anliegen seine "Theaterschuppen" an Menschen weiterzugeben, denen es nicht so gut geht, speziell den Kindern. Auch er hat erst lernen müssen Grenzen zu setzen, sich anderen Menschen verständlich zu machen und mutig und selbstbewusst zu sein. Zeitgleich sind unsere Workshops bei der Kinderbusinessweek in Wien und später auch in St.Pölten gestartet.

2016 brachte neue Gruppenangebote für Kindergärten und Kindergruppen sowie Projekte zur Partizpation von MigrantInnen aus Flüchtlingshäusern unter dem Titel "Dialog der Kulturen".

2017 verstärkten wir unsere Präsenz in den Sozialen Netzwerken. Im Sommer gab es erstmals einen expliziten Workshop nur für Jugendliche.

                                               

Im Frühjahr 2018 haben wir eine offizielle Empfehlung für unsere Workshops vom Wiener Stadtschulrat bekommen und im Mai desselben Jahres haben wir unser 10-Jähriges Jubiläum im Ute Bock Bildungszentrum gefeiert! Seit dem Schuljahr 2018/19 haben wir darüber hinaus neue Konzepte für Projekttage entwickelt.

Theaterpädagogik bedeutet für uns im Verein Theater für alle:

Die Theaterpädagogik bewegt sich im Spannungsfeld zwischen dem künstlerischen, sozialen und pädagogischen Bereich. Im Verein Theater für alle wird diese Methode eingesetzt um unterschiedliche Themen und Inhalte aus dem sozialen Umfeld der Menschen pädagogisch aufzuarbeiten und künstlerisch darzustellen. Im Vordergrund unserer Angebote steht das prozessorientierte Arbeiten. Die Qualität unserer Arbeit kann deshalb erst in zweiter Linie an der Ästhetik der Präsentation gemessen werden.

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